Bleichen Berge

Die erhabene Schönheit der Bleichen Berge

Bleichen Berge
Seit jeher haben die Dolomiten die menschliche Fantasie angeregt. Die Großartigkeit der Felsriesen hat die in diesen Bergen lebenden Menschen zu einer Erzählkunst inspiriert, die schon längst unverzichtbarer Teil ihrer kulturellen Identität geworden ist.
Dann, nach ihrer wissenschaftlichen „Entdeckung“, haben die Reisenden der Romantik darin jene idealen Landschaften wiedererkannt, die bis dahin nur in der Vorstellung der Maler existierten. Niemand konnte sich ihrer Faszination entziehen und sie gelten als „die schönsten Berge der Welt“. Aber warum sind die Dolomiten schön? Was ist das Geheimnis ihres außerordentlichen Zaubers?

Ästhetische Bedeutung 

Weltweit gelten die Dolomiten als Beispiel für die Ästhetik des Erhabenen, eine philosophische Richtung, die sich in den Jahren unmittelbar vor ihrer „Entdeckung“ entwickelte. Die Dolomiten wurden ein Modell von grundlegender Bedeutung für diese Denkrichtung und trugen so zur Definition des modernen Begriffs von Naturschönheit bei. Die allerersten Abbildungen dieser Berge waren keine Zeichnungen oder Malereien, sondern Beschreibungen - Worte, die von außergewöhnlichen Visionen und mächtigen Gefühlen erzählten. Sie beseelten den Geist und leiteten mit fast unwiderstehlicher Kraft die ersten wissenschaftlichen Berichte und Reisebeschreibungen ein. Die Worte, mit denen man dem Charakter der Dolomiten Ausdruck verlieh, entsprechen genau den Kategorien des Erhabenen: Vertikalität, Großartigkeit, Monumentalität, unruhige Formen, essenzielle Reinheit, Intensität der Farben, Staunen, mystische Askese, Transzendenz. Das Thema des Erhabenen ist sehr wichtig, handelt es sich doch um eine Kategorie der Naturästhetik. Im berühmten Red book von John Murray (der erste englischsprachige Reiseführer aus dem Jahr 1837) wird die Dolomitenlandschaft mit dem Adjektiv „erhaben“ beschrieben: „Insgesamt verleihen sie der Landschaft eine Originalität und erhabene Grandiosität, die nur derjenige vollständig würdigen kann, der sie gesehen hat“.

Landschaftliche Struktur und szenografische Werte

Für die Kandidatur der Dolomiten als Welterbe wurde eine spezielle, von der UNESCO als innovativ anerkannte Methodik entwickelt, um die landschaftlichen Werte zu ermitteln. Sie zeigt, dass die Dolomiten der universale Archetyp einer besonderen Berglandschaft sind, der sie auch ihren Namen gegeben haben: die „Dolomitenlandschaft“.
Bleichen Berge
Die Schlüsseleigenschaften dieser besonderen Landschaft sind vielfältig: In erster Linie die extrem gegliederte Topographie, gekennzeichnet durch Berggruppen, die allein und auf außergewöhnlich engem Raum nebeneinander stehen; in zweiter Linie die sie charakterisierende, ungewöhnliche Formenvielfalt in der Vertikalen (Türme, Nadeln, Zinnen, Zähne etc.) und in der Horizontalen (Felsbänder, Dächer, Hochebenen etc.). Bekannt sind die Dolomiten aber vor allem wegen ihrer ungewöhnlichen Farbenvielfalt und des Kontrasts zwischen den weichen Linien der Wiesen und den abrupt vertikal ansteigenden mächtigen, gänzlich nackten Gipfeln. Diese Berge können durch exakte Körper wie Prismen und Quader stilisiert wiedergegeben werden, weswegen sie eher als künstliche denn als natürliche Gebilde wahrgenommen wurden.

Für die ersten Bewohner waren die Dolomiten der Überrest einer legendären Welt und deshalb gewannen sie in ihren Erzählungen eine mythische Dimension. Die Intellektuellen der Romantik haben in den gigantischen Maßstäben dieser „Architekturen“ und in den Größenverhältnissen die Ruinen einer von Titanen bewohnten Stadt wiedererkannt. Für den modernen Architekten Le Corbusier schließlich waren die Dolomiten „les plus belles constructions du monde“. Auch in anderen Gebieten wurden ihre machtvollen Formen wiedererkannt und so verbreitete sich ihr Name: Es gibt „Dolomiten“ in Frankreich (Dolomites Francaises), in Österreich (Lienzer Dolomiten, Salzburger Dolomiten), in der Schweiz (Unterengadiner Dolomiten), in Italien (Dolomiti Lucane, Dolomiti Siciliane), in Norwegen (Porsangerdolomitt), in Slowenien (Polhograjski Dolomiti).
Bleichen Berge

Natürliche Phänomene

Der tiefe Eindruck, den die Dolomiten hinterlassen, wird durch ein natürliches Phänomen - die so genannte Enrosadira - noch gesteigert. Dank der besonderen Struktur und Zusammensetzung des Dolomitgesteins reagieren die Felswände in einzigartiger Weise auf das Licht: bei Sonnenaufgang und –untergang leuchten sie in warmen Farbtönen (orange, rot, violett), in der Mittagssonne wirken sie blass und verschwommen, in der Dämmerung und im Mondschein hingegen kalt und übernatürlich - daher auch der Name „Bleiche Berge“. Außerdem beherbergen sie weder die höchsten Gipfel, die größten Gletscher noch die weitläufigsten Wildnisbereiche der Erde, aber sie sind weltweit das einzige Gebiet, in dem sich blasses Dolomitgestein zu dunklem vulkanischem Ergussgestein gesellt.

In der Dolomitenregion finden sich auch ungewöhnlich viele Dreitausender (etwa 100) sowie auf relativ niedrigen Höhenlagen kleine Gletscher und ständige Schneehänge. Die hohen, senkrechten Felswände (von 800 bis 1600 Meter) und die tiefen Schluchten (von 500 bis 1500 Meter) ergeben eine erstaunliche morphologische Vielfalt und bereichern die natürliche Schönheit der Dolomiten zusätzlich.